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Heimatforscher und -dichter Otto Knopf: „Des machmer a weng provisorisch“

OttoKNOPFbearbEr war Lehrer, Schulleiter, Heimatforscher, Schriftsteller und Mundartdichter. Er hat 17 Bücher geschrieben, Schallplatten besprochen sowie unzählige Hörfunk- und TV-Beiträge verfasst. Unter seiner Regie wurde aus dem Helmbrechtser Heimatmuseum das Oberfränkische Textilmuseum. Die Liebe zu seiner oberfränkischen Heimat war ansteckend. Doch vor allem hat Otto Knopf (1926 – 2005) dafür gesorgt, dass die Geschichte und die vielen „G‘schichtla“, die den Frankenwald bis heute prägen, nicht in Vergessenheit geraten.

Wie lässt sich das Leben eines Menschen beschreiben, der so viele Spuren hinterlassen hat? Ich denke an einen Rat, den mir Otto Knopf einmal gegeben hat, so schlicht und so wahr, wie nur er es auf den Punkt bringen konnte: „Jetzt fängst amol o und dann aans nach’m annern.”
Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem ich Otto Knopf das erste Mal begegnet bin. Ich schrieb damals mein erstes Buch über den Frankenwald und kam bei einem Thema nicht mehr weiter. Ich erzählte einem Freund von der journalistischen Sackgasse, in der ich mich befand, und der sagte: „Da kann dir nur noch der Knopf‘ns Otto weiterhelfen.” Ja, von Otto Knopf hatte ich natürlich schon eine Menge gehört und gelesen. Er galt als „der“ Kenner des Frankenwalds schlechthin. Einer, der bereits alle Anekdoten, die Historie, die Sagen und die kleinen Geschehnisse zigfach zu Papier gebracht oder in den Äther gesandt hatte. Ich stellte mir einen sehr großen, eindrucksvollen, vielleicht sogar etwas bärbeißigen Kerl vor, menschenscheu und eigen.
Einige Tage später fand ich mich im Wohnzimmer der Familie Knopf in der Helmbrechtser Friedhofstraße wieder. Statt eines grimmigen Riesen, empfing mich ein überaus warmherziger Mann, mit zierlicher, ja fast zarter Erscheinung. Er hatte ein schönes, fein geschnittenes Gesicht mit einem freundlichen, oft auch verschmitzten Lächeln. Das Auffälligste waren seine großen, wachen Augen, die jeden Gedanken und jede Gefühlsregung von ihm widerspiegelten, die einen spüren ließen, welch liebenswertes Wesen dahinter wohnte.
Er freute sich über mein Interesse am Frankenwald und an den Themen, die ja sein Lebensinhalt waren. Und es zeigte sich bald, dass er ein wahrer Lehrer war, der sein Wissen mit Begeisterung teilte.  „Es ist wichtig, dass die Geschichten aufgeschrieben werden. Sie geraten sonst in Vergessenheit, und wie sollen die Kinder dann was über unsere Heimat und ihre Wurzeln erfahren”, sagte er eindringlich.
Und so stellte ich meine Fragen. Otto Knopf hörte geduldig und sehr genau zu. Er musterte mich mit seinen großen Augen,  die er hin und her rollte oder zusammenkniff, wenn ihn ein Thema besonders interessierte. „Ich hab da was für dich”, sagte er. „Ich muss nur schnell in mein Archiv.” Mit flinken Schritten war er verschwunden, und Anneliese Knopf, Otto’s Frau, die den Tisch so schön gedeckt hatte, lächelte vielsagend und blickte zur Zimmerdecke und seufzte: „Jetzt ist er auf dem Dachboden verschwunden. Das kann dauern.“ Gefühlte zwei Stunden später kam Otto Knopf wieder, bepackt mit Bergen von alten Manuskripten und Büchern. Ich begriff: Der Mann war ein wandelndes Lexikon, und sein Haus eine Art unerschöpfliches Frankenwald-Archiv, das aber nur er selbst im Griff hatte. Wir saßen an diesem Tag noch lange zusammen, und er erzählte von „seinem“ Frankenwald, von der Natur und dem Wesen seiner Bevölkerung.
Otto Knopf wurde am 9. April 1926 in Helmbrechts geboren, in seinem Elternhaus, in dem er aufwuchs, in dem er später mit seiner Frau Anneliese und seiner Tochter Christine lebte und in dem er schließlich starb. Nach dem Krieg wurde der Sohn einer Weberfamilie Lehrer. 42 Jahre unterrichtete er in Ahornberg, Oberweißenbach und Helmbrechts. An der Schule seiner Heimatstadt wirkte er 21 Jahre lang als Rektor. Der frühere Helmbrechtser Bürgermeister Manfred Mutterer, selbst Schüler von Otto Knopf und später Lehrerkollege, erzählt: „Wenn wir Kinder den Otto auf der Straße gesehen haben, dann haben wir uns nicht hinter der nächsten Hausecke versteckt, wie bei vielen anderen Lehrern. Wir sind winkend und johlend auf ihn zugerannt. Deshalb hatte der Otto Knopf auch immer einen Schwarm Kinder im Schlepptau, wenn er durch die Stadt lief. Otto Knopf hat seine Schüler motiviert, hat Talente entdeckt und konnte sie begeistern – nicht zuletzt durch seine heimatkundlichen Geschichten, die er auf so wunderbare, lebendige Weise erzählte, dass man als Kind gebannt zuhörte und gar nicht genug bekam.“
Bereits in sehr jungen Jahren hatte Otto Knopf seine Liebe zur Literatur entdeckt, schrieb Gedichte und Geschichten. 1972 und 1975 veröffentlichte er seine ersten großformatigen Bildbände „Frankenwald“ und „Obermain“. Später folgten „Damals“, Geschichten aus der Vergangenheit der Region zwischen Main und Saale, und auch „Frankenwald – Bilder und Geschichten“. Zahlreiche Bücher mit Anekdoten aus der alten Zeit, mit Sagen, historisch wahren und nachempfundenen Begebenheiten folgten. Seine kleinen „G‘schichtla“ haben nach wie vor eine große Fangemeinde. Oft schrieb er sie in Mundart. Immer sind sie in einer ebenso einfachen wie klugen Art verfasst, meistens augenzwinkernd, humorvoll und am Ende mit einem philosophischen Nachklang. Schalkhaft sah er seinen Landsleuten aufs Maul – und blieb dabei immer liebevoll. Seine Frankenwald- und Fichtelgebirgs-Lexika sind wichtige Standardwerke, in denen jeder noch so kleine Ort akribisch genau beschrieben wird. Herausragend ist sein 1996 erschienenes Helmbrechts-Buch. Auf rund 600 Seiten hat er in Feinarbeit die Geschichte seiner Heimatstadt bis in die Neuzeit erforscht und aufgeschrieben, immer angereichert durch Lesenswertes, Wissenswertes und Unterhaltsames – eine ebenso historische wie journalistische Meisterleistung.
Neben dem umfangreichen Studium alter, schriftlicher Quellen, bezog Otto Knopf sein Wissen und vor allem seine Inspiration aus dem Gespräch mit anderen Menschen. Niemand hat wohl den speziellen Charakter des Frankenwäldlers so genau analysiert und treffend beschrieben wie Otto Knopf. Schließlich war er selbst ein typischer Vertreter dieser Spezies: leise, schlicht, demütig, klug, mit einer gehörigen Portion Mutterwitz, aber auch grüblerisch und zuweilen ein wenig schwermütig. Das Wirtshaus mit seiner beschaulichen Atmosphäre sei die Hochschule des Lebens, sagte er einmal. Man müsse nur genau hinhören und beobachten, dann könne man sehr viel lernen.
Gelernt hat er sein Leben lang und dabei ein Wissen angesammelt, vor dem selbst so mancher hochrangige Geschichtsprofessor aus München – wie beim Aufbau des Helmbrechtser Textilmuseums geschehen – respektvoll den Hut gezogen hat und verlauten ließ: „Wenn Herr Otto Knopf sagt, dass die Geschichte der Weber in Helmbrechts so war, dann ist das wissenschaftlich verifiziert und anerkannt.”
Er war Autor beim Bayerischen Rundfunk, war in zahlreichen Radio- und Fernsehsendungen zu Gast und trug damit wesentlich dazu bei, das Profil Oberfrankens über die Region hinaus zu stärken. Dennoch schlug sein Herz bis zum Schluss für das auf Papier geschriebene, schlichte Wort. „Den neuen Medien fehlt oft die Seele”, sagte er.
„Heimat, Natur, die Schöpfung kann man nur im wahrsten Sinne des Wortes ‚begreifen‘, wenn man sie hautnah erlebt, wenn man sie erwandert”, so war sein Credo. Otto Knopf fuhr kein Auto. Er ging alle seine Wege zu Fuß. „Wenn ich eins bin mit der Natur, bin ich eins mit dem Herrgott”, hat er einmal gesagt. Otto Knopf war ein tiefgläubiger Christ – aber einer mit ganz viel Humor. „Wenn’s nimma geht, muss man’s halt tragen”, so Otto Knopf im Jahre 2005. „Und ich bin getragen durch den Glauben und die wahre Anteilnahme wirklicher Freunde.”
1989, als er seinen Beruf als Lehrer und Rektor an den Nagel gehängt und die Pension angetreten hatte, lockte ihn eine neue Herausforderung. „Ausgerechnet da, wo ich zu meiner Frau gesagt habe, so Frau, jetzt hör ich endlich auf, dou is des ganza Zeich nuch amol oganga”, berichtete Otto Knopf einmal. Er wurde der „Vater“ des Helmbrechtser Textilmuseums. Der Sohn eines Webers füllte das Projekt mit Geist und Inhalt, organisierte Führungen, hielt Vorträge, webte sich mit dem „längsten Schal der Welt” nicht nur ins Guiness-Buch, sondern auch in die bundesweite Presse und machte das Museum so zu einem weithin bekannten Besuchermagneten.
Manfred Mutterer berichtet:  „Weil er uns allen gut tat, wurde er mit Ehrungen geradezu überschüttet. Er, der überhaupt nicht geehrt werden wollte, wurde so zum Opfer seines Schaffens.”  Der Frankenwürfel, die Ehrenbürgerwürde der Stadt Helmbrechts oder zuletzt der Kulturpreis des Landkreises Hof im Jahre 2005 sind nur drei von unzähligen Auszeichnungen, die Otto Knopf für sein kulturelles Schaffen erhielt. Und über alle Auszeichnungen war er mit sich einig: „Hetts doch niet gebraucht.”
Als sich sein Leben dem Ende neigte, erwähnte Otto Knopf öfters den alten Weberspruch: „Des machmer a weng provisorisch.“ Er war sich gewiss, dass auch unser Leben nur provisorisch ist. Am 18. November 2005 verließ er dieses Provisorium.
Sabine Raithel

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