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Unternehmer-Initiative will dauerhafte Finanzierung der „Schutzhöhle“ sichern

schutzhöhle_foto„Was hätte passieren müssen, damit ich damals zu einer Beratungsstelle gegangen wäre?“ Diese Frage stellte sich vor über zehn Jahren die Kinderkrankenschwester und Erzieherin Tamara Luding. Ihre eigene Geschichte erlittener sexualisierter Gewalt war abgeschlossen, und doch fiel ihr das Thema immer wieder „auf die Füße“, weil sich betroffene Kinder ihr anvertrauten. Eine Antwort auf die Frage, was es ihr selbst damals leichter gemacht hätte, sich jemandem zu öffnen, war schnell gefunden: „Es hätte jemand zu mir in die Schule kommen müssen. Und mir erklären müssen, dass ich nicht verrückt bin, und dass es Hilfe gibt.“

Luding konzipierte daraufhin ein Projekt für Achtklässler mit dem Namen „Don’t talk about it?!“ – und hätte sich damals nicht träumen lassen, dass sie einige Jahre und etliche Projekte später Geschäftsführerin einer Fachberatungsstelle mit Präventionsangebot für alle Altersstufen sein würde. Die Arbeit der Erzieherin und ihrer Kollegen wird weithin hoch geschätzt, alle Angebote werden rege angenommen – und doch ist es fraglich, ob es die Hofer „Schutzhöhle“ noch lange geben wird.
Aktuell ist nach einem öffentlichen Spenden-Aufruf und einer großzügigen Zuwendung der Hofer Freimaurer-Loge sowie kleinerer Spenden von Firmen und Privatpersonen der Betrieb zunächst bis Ende dieses Jahres gesichert. Nun könnte die Spenden-Aktion „Wenn 100 Firmen 100 Euro zahlen…“ die Arbeit der „Schutzhöhle“ langfristig auf eine sichere finanzielle Basis stellen. Achim Hager, Geschäftsführer der Firma HFO-Telekom, hatte sich mit der Idee zu der Spenden-Aktion an Tamara Luding gewandt, und angeboten, sich um eine entsprechende Vermarktung zu kümmern.
Der Geschäftsführerin der „Schutzhöhle“ war schnell klar: „Das wäre unsere Rettung.“ 10.000 Euro im Monat – die Summe, die zusammenkäme, wenn sich 100 Firmen fänden, die mitmachen und monatlich 100 Euro spenden – entspricht genau dem, was die „Schutzhöhle“ zum Überleben bräuchte. Zwar bliebe immer noch eine Differenz, die aber durch den Betrag gedeckt würde, den der Verein monatlich selbst erwirtschaftet.
Denn die Schutzhöhle leistet nicht nur rund 1600 Stunden im Jahr Beratung und Betreuung für durchschnittlich 94 Opfer sexualisierter Gewalt (vom Erstgespräch über juristische Aufklärung oder Hilfe bei Schulproblemen bis hin zu Unterstützung beim Gerichtsprozess), sondern betreibt auch intensiv Präventionsarbeit in Schulen und Kindergärten.
Als Tamara Luding damals ihr Projekt für Achtklässler geschrieben hatte und dieses großen Anklang fand, wurde ihr bewusst, dass man eigentlich noch viel früher ansetzen müsste – „am besten, bevor etwas passiert ist“. So entstand das Projekt „Safety Kids“ für Vorschulkinder. „Es geht hier keinesfalls um Angstmache und auch nicht direkt um das Thema Missbrauch, sondern darum, Kinder stark zu machen“, erklärt Luding. Die Kindergartenkinder lernen über das Jahr verteilt in 20 Einheiten ihren Körper kennen; sie besprechen, wem sie vertrauen können, und lernen, dass man auch „Nein“ sagen darf.
Kaum war das Projekt „Safety Kids“ in trockenen Tüchern, stellte Tamara Luding fest, dass auch „für alle dazwischen“ noch etwas fehlt. Es entstanden die Projekte „Safety Schulkids“ für Grundschüler und „Mach doch (kein) Theater!“ für die fünften bis siebten Klassen. Durch die engen Kontakte mit Schulen und Kindergärten verlangten schließlich auch immer mehr Einrichtungen nach Schulungen für das Personal oder Elternabenden.
„Irgendwann war’s auf einmal ein Job“, sagt die sympathische Kinderkrankenschwester, Erzieherin und Trauma-Pädagogin salopp. Zwar war die „Schutzhöhle“ nie als Vollzeit-Job geplant, doch schon drei Monate nach Vereinsgründung sei klar geworden, dass sie nichts anderes mehr arbeiten könne. Heute ist der Verein überregional vernetzt, hat mehrere Mitarbeiter (überwiegend in Minijobs und Teilzeit), und Ludings Arbeit beschränkt sich längst nicht nur auf Hof und Umgebung: Tamara Luding sitzt in Arbeitskreisen auf Bundesebene sowie im Betroffenenrat in Berlin, der jüngst durchgesetzt hat, dass endlich eine Bundeskoordinierungsstelle für Fachberatungsstellen geschaffen wird. Ziel ist es, die Finanzierung von Fachberatungsstellen – wie beispielsweise der Hofer „Schutzhöhle“ – auf sichere Füße zu stellen und für angemessene staatliche Unterstützung zu sorgen. Denn derlei gibt es bisher nicht.
Tamara Luding zitiert eine Traumakostenstudie, die belegt, dass die Behandlung von Trauma-Patienten in Deutschland mit rund 11 Milliarden Euro im Jahr zu Buche schlägt – und stellt mit Recht die Frage, ob die Finanzierung der Fachberatungsstellen auf Dauer nicht deutlich günstiger wäre. Denn dass eine frühzeitige gute Versorgung von Trauma-Patienten auf Dauer viel Geld spart (und seelisches Leid wenigstens mindert), ist belegt. Und dass es Opfern sexualisierter Gewalt einfacher fällt, sich einer eben darauf spezialisierten Fachberatungsstelle statt einer allgemeinen psychologischen Beratung anzuvertrauen, erscheint durchaus logisch.
Die nächsten Fachberatungsstellen in der Region sind in Bayreuth, Plauen oder Weiden – weite Wege für traumatisierte Menschen, die sich besonders nach Sicherheit und Verlässlichkeit sehnen. „Viele unserer Klienten haben geweint, als von unserer Finanznot in der Zeitung zu lesen war“, erzählt Tamara Luding. Nicht nur den Mitarbeitern der Schutzhöhle, sondern auch diesen Klienten wäre es eine große Erleichterung, wenn sich 100 Firmen fänden, die die Schutzhöhle dauerhaft unterstützen. „Unsere Arbeit wäre langfristig planbar“, sagt Tamara Luding. „Und das zum ersten Mal seit acht Jahren, seit Bestehen der Schutzhöhle.“
Das gilt auch für die Präventionsarbeit, die immerhin rund 1500 Kinder und Jugendliche im Jahr erreicht. Kinder, die rechtzeitig lernen, laut und deutlich „Nein“ zu sagen; Jugendliche, die erfahren, dass nicht sie „spinnen“, sondern die Menschen, die ihnen Gewalt angetan haben, und die rechtzeitig erfahren, wo ihnen geholfen wird.                                             Sandra Langer

 

Als Tamara Luding im Jahr 2007 den Verein „Schutzhöhle“ gründete, schätzte sie den großen Bedarf an Beratung und Prävention rund um das Thema sexualisierte Gewalt richtig ein. Wenn sie in Hofer Schulen ihr Projekt „Don’t talk about it?!“ hält, geben 14 Prozent der Schüler an, selbst schon einmal einen Missbrauch erlebt zu haben; rund 30 Prozent der Jugendlichen kennen jemanden, der missbraucht wurde.
In einer Hinsicht hat die Erzieherin sich jedoch getäuscht: „Ich dachte, dieses Thema berührt viele Menschen, und wir kriegen das finanziell schon irgendwie hin.“ Doch die Schutzhöhle wuchs schnell, und die Finanzierung ist nicht gesichert – „nicht zuletzt, weil die Bundesregierung viele Fehler gemacht hat und die Verantwortung von Ministerium zu Ministerium geschoben wird“.
Nun soll die Aktion „Wenn 100 Firmen 100 Euro spenden…“ die wertvolle Arbeit der Hofer „Schutzhöhle“ retten. Firmen, die sich für die Aktion interessieren, erreichen Tamara Luding unter Telefon 09281 / 7798877 oder E-Mail info@schutzhoehle.de.
Weitere Informationen – sowohl über die Aktion als auch die Arbeit der „Schutzhöhle“ – gibt  es außerdem im Internet unter www.schutzhoehle.de.

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