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Wie geht das mit dem Glücklichsein?

Marie Mergner aus Saalenstein hat sich für das Fotoshooting extra fein gemacht. An ihrer Seite Ferkel Heinrich.  Foto: giegold-profot.de

Marie Mergner aus Saalenstein hat sich für das Fotoshooting extra fein gemacht. An ihrer Seite Ferkel Heinrich.
Foto: giegold-profot.de

Die neue Handtasche, das größere Auto, eine Vier in Mathe, der Strandspaziergang, Sonne auf der Haut, der Zehn-Euro-Schein, den man zufällig in der Jackentasche findet, die Botschaft, dass es doch kein Krebs ist, das Lachen eines Kindes – das alles kann glücklich machen. Oder auch nicht. Unsere Autorin Sabine Raithel hat nachgeforscht, was es mit dem Glück so auf sich hat.

„Schreib doch mal was über Glück“, schlugen die Herausgeber dieses Magazins vor einiger Zeit vor. „Klar, mach ich“, sagte ich spontan. „Kann ja nicht so schwer sein. Schließlich ist grad Weihnachten vorbei. Alle haben ihre Geschenke und sind glücklich.“ Einige Umfragen in meinem Bekanntenkreis ergaben, dass ich da ziemlich schief gewickelt war. „Ich hab mal wieder eine Handtasche bekommen“, erklärte mir eine Freundin. „Die ist schon ganz nett und ich hab mich auch kurz darüber gefreut. Aber glücklich bin ich deshalb auch nicht. Glücklich wäre ich vielleicht, wenn mein Mann mal mehr Zeit für mich und die Kinder hätte.“ Eine andere Freundin berichtete: „Mein Vater war vor Weihnachten im Krankenhaus. Ihm wurde ein Geschwür aus dem Magen entfernt. Wir hatten große Angst, dass es Krebs sein könnte. Gott sei Dank: Es war gutartig – und das war unser schönstes Weihnachtsgeschenk. Wir sind sehr glücklich.“ Ein Bekannter sagte: „Glück – und das vielleicht noch dauerhaft? Nein, das ist unmöglich. Vielleicht gibt es so was wie Freude oder Vergnügen. Aber beides ist flüchtig.“ Und eine andere Freundin sagte: „Ich brauche die Stille. Die Begegnung mit mir selbst. Vielleicht bei der Meditation, vielleicht aber auch ganz einfach draußen in der Natur, beispielsweise beim Schneewandern. Die Sonne, der weiße Schnee, die Luft, die Stille, das Gefühl, eins mit mir zu sein. Das ist Glück pur.“ Eine einfache Antwort scheint es beim Thema „Glück“ also nicht zu geben.
Gibt man bei Google das Wort „Glück“ ein, dann spuckt das Netz 76.200.000 Treffer aus. Der Online-Anbieter Amazon meldet ganze 224.341 Vorschläge. Es gibt Filme zum Thema, aber auch jede Menge andere unverzichtbare Dinge wie Multivitaminpräparate („Glück: 24 Vitamine für alle Lebenslagen“), es gibt T-Shirts, Radiergummis, Poesie-Alben, Aufkleber, Kissenhüllen, Schoko-Täfelchen oder Coffee-to-go-Becher, auf denen geschrieben steht, was Glück ist. Das geht zum Beispiel so: „When you look at this, you will have Glück in Hülle und Fülle. Echt. Ich schwör.“ Rund 36.000 Treffer entfallen auf Bücher. Humoristische Glücksratgeber, à la: „Mein Glück kommt selten allein“ von Eckhart von Hirschhausen, etwas ernstere, die das Phänomen psychologisch betrachten, wie der Bestseller von Robert Betz, der fragt „Willst du normal sein oder glücklich?“ und unzählige Romane, die unsere Sehnsucht nach Glück stillen sollen. Und dann gibt es die Bücher mit spirituellem oder christlichem Hintergrund und die lange Reihe von Veröffentlichungen von Buddhisten oder anderen Gelehrten östlicher Philosophien. Der Dalai Lama, das Oberhaupt der Tibetischen Buddhisten, Friedensnobelpreisträger und bemerkenswerter Vielschreiber, hat sich in einigen seiner Werke über das Phänomen „Glück“ ausgelassen, unter anderem in seinem Buch „Über Liebe, Glück und was im Leben wichtig ist.“
Überhaupt hat man den Eindruck, dass Glück in den östlichen Philosophien weitaus differenzierter betrachtet wird als im Westen. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass dort Glück nicht ein Geschenk des Schicksals ist, sondern von einem selbst produziert und verantwortet wird. Ganz eng verbunden ist hier Glück mit seinem Zwillingsbruder, dem Leid. Der buddhistische Weg zu Harmonie und Glück beginnt unweigerlich erst mal bei Leid und Unvollkommenheit. Buddhisten nähern sich dem Glück über den „edlen achtfachen Pfad“ – das heißt: langsam und mit viel Übung. Das höchste Glück hat nach buddhistischer Sicht derjenige, der „erleuchtet“ ist. Erleuchtet zu sein bedeutet, völlig im Hier und Jetzt zu leben, vollkommen zufrieden zu sein („wunschlos glücklich“), ein starkes Verbundenheitsgefühl gegenüber allen lebenden Wesen zu spüren und zu wissen, wie die Welt wirklich ist.
Auch die westlichen Philosophen haben sich die Zähne am Thema ausgebissen. Platon und Aristoteles, die siamesischen Zwillinge der griechischen Philosophie, waren sich einig, dass im Grunde nur Philosophen wirklich glücklich werden können. Kant verweist das Phänomen von vornherein in die Ecke des Unerreichbaren: „Glück ist die Befriedigung all unserer Wünsche, in ihrer ganzen Vielfalt, in ihrem ganzen Ausmaß und ihrer vollen Dauer.“ Für andere ist Glück nur eine vorübergehende Verschnaufpause von Leid. Für Schopenhauer beispielsweise ist „alles Glück negativ… Befriedigung und Zufriedenheit letzten Endes nur eine Unterbrechung von Schmerz und Entbehrung.“ Und Freud schreibt: „Was wir im strengsten Sinne des Wortes Glück nennen, wird von der plötzlichen Befriedigung aufgestauter Bedürfnisse ausgelöst. Es kann also naturgemäß nur ein vorübergehendes Phänomen sein.“
Soziologen definieren Glück als „den Grad, in dem ein Mensch die allgemeine Qualität seines gegenwärtigen Lebens insgesamt positiv bewertet, mit anderen Worten, wie sehr die betreffende Person das Leben mag, das sie führt.“ Eine Definition, die nicht zwischen tiefer innerer Zufriedenheit und der bloßen Wertschätzung äußerer Lebensumstände unterscheidet. Viele aktuelle Untersuchungen befassen sich mit Glück im Sinne von Lebensqualität, will heißen, im Sinne einer subjektiven Wahrnehmung. In simplen Fragebögen, die dieses Gefühl einordnen sollen, muss man nur das richtige Kästchen ankreuzen: „Sind Sie sehr glücklich, glücklich, ein bisschen unglücklich, sehr unglücklich?“ Und dann muss man noch Angaben zu gesellschaftlichem Status, Personenstand, Einkommen, Gesundheit, einschneidenden Erlebnissen etc. machen. Das Ganze wird dann statistisch ausgewertet und schwupps, hat man schon seinen Glücks-Koeffizienten ermittelt. Aber Achtung: Glück kann man nicht kaufen! Und die Gier nach mehr ist meist der Anfang allen Elends. Trotz des hohen Lebensstandards, den wir in den westlichen Ländern genießen dürfen, ist der Anstieg bei Depressionen bzw. Burn-out enorm. Autos, Designerklamotten, Eigenheime, ausreichend Nahrung, Urlaube, Zentralheizung, all dies hat uns offenbar nicht glücklicher gemacht.
Neurowissenschaftler machen sich indes mittels bildgebender Verfahren auf die Suche nach dem Areal im Gehirn, wo das Glück verankert sein könnte. Ein einziges „Zentrum für Glück“ wurde dabei nicht gefunden. Der Begriff „Glück“ ist zu diffus und die damit verbundenen Emotionen sind zu vielfältig. Aber man stellte fest, dass bei Menschen, die angaben, Freude, selbstlose Liebe, Anteilnahme oder Begeisterung zu empfinden, bzw. sich voller Energie oder besonders lebendig zu fühlen, die Aktivität im linken vorderen Stirnlappen signifikant erhöht ist. Andererseits weisen Menschen, die überwiegend negative emotionale Zustände wie Depressionen, Pessimismus, Angst oder Sorgen erleben und zum emotionalen Rückzug neigen, eine erhöhte Aktivität im rechten vorderen Stirnlappen auf. Spätestens seit den Veröffentlichungen des Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer ist Otto-Normal-Bürger der Begriff der „Neuroplastizität des Gehirns“ geläufig. Das heißt, unser Gehirn kann sich wie ein Muskel im Körper verändern, je nachdem wie er trainiert wird. Das legt die Vermutung nahe, dass man auch die Fähigkeit zu Glück nicht nur lernen, sondern auch trainieren kann. Der alte Spruch „Jeder ist seines Glückes Schmied“ bekommt dadurch eine neue Sinnhaftigkeit. Der Kölner Psychotherapeut Manfred Lütz hat mit seinem Buch „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“ einen lesenswerten Leitfaden dazu verfasst. Übrigens: Rund hundert Schulen in Deutschland bieten schon Glücks-Unterricht an!
Und dann gibt es noch diese neue Erfindung: den Narrative Clip. Das ist eine Streichholzschachtel-kleine Kamera zum Anklipsen an die Kleidung. Alle 30 Sekunden macht die automatisch ein Foto. Was immer man tut, es klickt. Zwei Fotos pro Minute: beim Essen, bei der Arbeit, in der U-Bahn, auf der Toilette… Der Sinn dahinter: Das Leben, das sonst einfach so blitzartig und ungeachtet vorbei rauscht, kann man sich dann in der Rückblende noch mal im Detail ansehen. Glück setzt also Bewusstsein voraus. Ein anderer Weg dahin funktioniert ohne technische Hilfsmittel: den Augenblick und sich selbst ganz bewusst wahrnehmen und im Hier und Jetzt, frei von der Vergangenheit und frei von der Zukunft sein. Frei nach dem Motto: „Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich liebe, dann liebe ich …“  Diese Achtsamkeit darf man großzügig mit Mitgefühl, einem einfachen Lebensstil und mit Demut kombinieren. Und das, so sind sich fast alle Experten einig, genau das macht glücklich.

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