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Ernst-Dieter Rochon: „Wir sollten die Leute in die Stadt bringen“

Vor gut 50 Jahren kam der gebürtige Usedomer Ernst-Dieter Rochon aus Kiel nach Hof. Seitdem war er Geschäftsführer und Inhaber eines der bedeutendsten Modehäuser in Hof, einige Jahre Vorsitzender der rührigen Werbegemeinschaft Ludwigstraße sowie von 1984 bis 2011 Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes Stadt und Landkreis Hof – und ist bis heute Querdenker, Ideengeber und Fan der schönen Saalestadt.
Im Modehaus Putensen, als dessen Geschäftsführer er nach Hof gekommen war, hatte Rochon weitgehend freie Hand. „Wir haben das Geschäft peu à peu modernisiert und immer weiter umgebaut.“ Stets lag sein Fokus darauf, neue Kunden in das Geschäft zu locken und ihnen Besonderes zu bieten. Dafür setzte Rochon sich auch im Rahmen der Werbegemeinschaft Ludwigstraße ein.
In dicken Ordnern bewahrt der Pensionär unzählige Zeitungsartikel, Sonderseiten und Anzeigen auf, die von Aktionen wie Sommer-, Brunnen- oder Weinfesten, dem Hofer Herbstmarkt sowie aufwendigen Modenschauen berichten – in einer Zeit, als dies noch längst nicht zum Standard-Repertoire des Einzelhandels gehörte. Im Vergleich zur damals gut bevölkerten Altstadt war es in der Ludwigstraße vergleichsweise schwieriger, Kunden auf das Angebot aufmerksam zu machen. „Wir wollten zusammen etwas tun, um positiver wahrgenommen zu werden“, erklärt Rochon. „Und ich denke, das ist uns ganz gut gelungen.“
1984 schließlich wurde Ernst-Dieter Rochon auch zum Vorsitzenden des Einzelhandelsverbandes in Stadt und Landkreis Hof gewählt – ein Amt, das er ein Vierteljahrhundert lang inne hatte. Dass Hof in den Jahren 1998 bis 2004 im Kundenspiegel immer wieder zu einer der freundlichsten Einkaufsstädte Deutschlands gewählt wurde, freut ihn bis heute, und auch mit diesem Pfund wussten die Hofer Einzelhändler zu wuchern.
Man habe mit gezielter Werbung und ansprechenden Aktionen viele Kunden aus dem Umland – aus alten wie neuen Bundesländern – nach Hof gebracht. Die Grenzöffnung selbst hat der Wahlhofer nur aus der Ferne mitbekommen. Während eines Urlaubs in Südafrika erreichte ihn ein Anruf seiner Mitarbeiterinnen aus Hof, die aufgeregt von den Menschenmassen in der Stadt berichteten und ihn darum baten, Tee und Essen für die vielen Menschen kaufen zu dürfen.
„Als wir zurückkamen, sahen wir eine völlig andere Welt.“ Noch heute ist Rochon sichtbar gerührt, wenn er  von diesen bewegenden Zeiten spricht, und davon, wie er in einer auf Afrikaans verfassten Zeitung die deutschen Worte „Die Mauer ist weg“ las. Viele der damals neu gewonnenen Kunden seien Hof und dem Modehaus Putensen unter der Leitung seines Nachfolgers Detlef Kern noch heute treu, sagt der Geschäftsmann, der stets Wert auf einen guten Kontakt und persönliche Gespräche mit seinen Kunden gelegt hat.
„Mir hat mein Beruf immer sehr viel Freude gemacht, dadurch ist mir auch nie etwas zu viel geworden“, erklärt Rochon. An pfiffigen Ideen mangelte es ihm und seinem rührigen Team nie: Für seine Modenschauen leistete er sich zwei Jahre lang ein Team des bekannten Topmodel-Jurors und Choreographen Bruce Darnell; als mit der Modekette Peek und Cloppenburg ein von Rochon durchaus respektierter und gefürchteter Mitbewerber in der Altstadt eröffnete, ließ er ein original englisches Taxi samt Chauffeur und Models für sein Modehaus Putensen in der Stadt Werbung fahren.
Und unvergessen bleibt wohl auch die Installation der großen Glaskuppel, mit der er Anfang der 90er Jahre den Hinterhof über seinem Geschäft überbauen ließ, um die Verkaufsfläche zu erweitern und mehr Licht in die Räume zu bringen. Das in Döhlau gefertigte Metallgestell wurde mit einem russischen Lastenhubschrauber in die Ludwigstraße geflogen und vor Ort am Stück montiert. „Der Hubschrauber musste über der Saale fliegen“, erinnert sich Rochon, „damit nichts passiert, falls er seine schwere Last verliert.“ In der Ludwigstraße waren schließlich neben zahlreichen Schaulustigen auch Polizei und Sanitäter vor Ort, um die außergewöhnliche Aktion zu überwachen.
Ernst-Dieter Rochon bedauert, dass es im Einzelhandel heute oft vorwiegend um den Erhalt der Geschäfte gehe als vielmehr darum, gemeinsam neue Kunden zu gewinnen. Die Konkurrenz durch den Online-Handel sei zwar nicht zu unterschätzen. „Aber wir haben im Einzelhandel so viele Dinge, die man online nicht abbilden kann.“ Den Wert einer persönlichen Begegnung und eines guten Gesprächs; das Gefühl, die Ware selbst sehen und anfassen zu können; ein Glas Sekt oder eine Tasse Kaffee beim Einkauf sowie Events wie Modenschauen – all das mache einen Einkauf erst zum Erlebnis. „Wir sollten uns diesem Wettbewerb selbstbewusst stellen und die Leute von ihren Sofas herunter und in die Stadt hinein bringen.“ Als Gründungsmitglied von ProHof weiß Rochon: „Den Hofern muss man manchmal sagen, was sie alles vor der Haustür haben, und dass sie ruhig selbstbewusster sein dürfen.“  Sandra Langer

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