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Helmut Starosta: Alles außer Kopfstand

Mit 70 hat er ein Haus gebaut, mit 89 ein neues Auto gekauft. Wenn Optimismus bedeutet, immer vertrauensvoll nach vorne zu schauen, dann ist ProHof-Mitglied Helmut Starosta ein Musterbeispiel dafür. Auch nach seinem 90. Geburtstag, den er im März mit einem Besuchermarathon von rund 200 Gratulanten feierte, steckt er noch voller Ziele und Pläne. Worauf er jetzt schon hinarbeitet: sein 93. Sportabzeichen, das er im Juli ablegen will.

Als Sportler war und ist er vor allem bekannt. Weit gebracht hat es Helmut Starosta auch in ehrenamtlichen Funktionen, nämlich unter anderem zum Bezirksvorsitzenden des Bundes der Vertriebenen für Oberfranken. Erzählenswert jenseits von Rekorden und Ehrungen ist aber sein abenteuerliches Leben als solches. Kaum jemand kennt die ungewöhnliche Liebesgeschichte, die ihn mit seiner Frau Christl verbindet. Ihren Ursprung hat diese Geschichte in Marienburg in Westpreußen. Und sie beginnt mit einem Schlüssel.
Die Familien Schmidt und Starosta wohnten in der Stadt an der alten Ordensburg Tür an Tür. Christl Schmidt war noch ein kleines Mädchen, Helmut Starosta ein ganz junger Mann, als die Front näherrückte. Christls Mutter vertraute Helmuts Mutter ihren Haustürschlüssel an und floh mit ihrer Familie nach Bayern. Unterschlupf fanden die Schmidts zunächst bei Verwandten in Altenstein in Unterfranken. Helmut Starostas Mutter verschlug es später durch Krieg und Vertreibung nach Nittenau in der Oberpfalz. Der junge Soldat selbst kämpfte in den letzten Kriegstagen in Berlin, wurde verwundet und verließ schließlich die sterbende Stadt.
Heute würde man sich wundern, wie derart verstreute Familien sich in solchen Zeiten wiederfinden konnten. Aber Helmut Starosta erinnert sich: „Es war gar nicht so schwer, in Verbindung zu bleiben. Die Post funktionierte noch zum Großteil.“ Und so wusste er, wo seine Mutter nun lebte, und machte sich mit Granatsplittern in der Schulter und einem Kniedurchschuss zu Fuß auf den Weg von Berlin nach Nittenau. Das Wiedersehen kurz nach Kriegsende ist ihm bis heute unvergesslich.
Zusammen mit der Mutter zog Helmut später nach Regensburg, die Schmidts ließen sich in Amberg nieder. Trotz der relativen Nähe kam es zunächst zu keiner Begegnung. Der anvertraute Haustürschlüssel hatte zwar für anhaltenden Briefkontakt gesorgt, spielte nun aber keine Rolle mehr: Die Heimat war verloren.

62 Jahre liegen zwischen diesen Bildern: Christl und Helmut Starosta bei ihrer Hochzeit zu Ostern 1955 – und heute.

62 Jahre liegen zwischen diesen Bildern: Christl und Helmut Starosta bei ihrer Hochzeit zu Ostern 1955 – und heute.

Erst 1954 beschloss die Familie Schmidt, doch einmal die Starostas in Regensburg zu besuchen. Helmut arbeitete damals bei Coca Cola und zerdepperte ausgerechnet an diesem Tag zwei volle Flaschen. Dass Scherben manchmal wirklich Glück bringen, dachte er sich, als er dann nach einem Jahrzehnt das einstige Nachbarskind Christl wiedersah: „Sie war eine junge Dame geworden. Wir waren uns sofort sympathisch.“
Aus Sympathie wurde Liebe, und die erforderte zunächst mal sportliche Ausdauer: Mit dem Fahrrad musste Helmut anfangs die rund 70 Kilometer von Regensburg nach Amberg zurücklegen, um seine Braut zu besuchen, erst später kaufte er sich ein Moped. Ostern 1955 wurde Hochzeit gefeiert, im selben Jahr zog das junge Paar nach Hof. „Man musste damals dorthin gehen, wo Arbeit war“, erzählt Helmut Starosta. Arbeit war in Hof, der junge Westpreuße und Neubayer startete eine Karriere bei der Firma Jägermeister. Zwei Töchter wurden geboren, Elke und Jutta.
Einen Namen machte sich Helmut Starosta in Hof durch seine sportlichen Leistungen, in der Stadt verewigt hat er sich als Initiator und Aufbauhelfer der Abteilung Flucht und Vertreibung im Museum Bayerisches Vogtland. Beides spielt auch heute noch eine Rolle in seinem Leben, wenn auch etwas reduziert auf Gymnastik und gelegentliche Besuche im Museum. Auf seine geliebte Gartenarbeit freut er sich jetzt schon, wenn endlich der Frühling erwacht: „Das ist mein liebstes Hobby.“ Nach zahlreichen Operationen ist zwar die Bewegungsfreiheit nicht mehr so groß wie früher, der alte Optimismus aber ist ungebrochen. Grinsend verkündet Helmut Starosta: „Ich kann immer noch alles – außer vielleicht Kopfstand.“ Sein Händedruck jedenfalls ist noch so fest wie damals als junger Ruderer und Boxer.
Manfred Köhler

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