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Jahrhundertealte Giganten tun der Seele gut

Im Herbst zeigen sich die Laubbäume von ihrer farbenprächtigsten Seite. Foto: Jochen Bake

Im Herbst zeigen sich die Laubbäume von ihrer farbenprächtigsten Seite. Foto: Jochen Bake

Bäume tun der Seele gut, heißt es. Um das herauszufinden, haben wir uns auf die Suche nach den ältesten und mächtigsten Gewächsen in Oberfranken gemacht.

Bäume zu umarmen liegt im Trend. Kaum ein Entspannungs- und Entschleunigungsberater, der nicht auf die heilsame Wirkung einer innigen Berührung kräftiger Borke hinweist. Und im Rahmen von Waldmediationen finden Menschen, die vielleicht sonst den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen, Ruhe, Stille und Kraft. Am Weltumwelttag 2014 haben Aktivisten, Abgeordnete und Schulkinder in Nepal einen Rekord aufgestellt. Genau 2001 Menschen haben sich beteiligt und sich zwei Minuten lang an Bäume gekuschelt. „Einfach einen Baum zu drücken, das bringt vielleicht nicht viel. Aber es schärft das Bewusstsein“, befand der nepalesische Parlamentarier Krishna Bahadur Chhantel Thapa.

Die Alte Eiche bei Schafhof im Kreis Coburg hat einen Umfang von fünf Metern und wird auf 250 bis 300 Jahre geschätzt. Foto: Horst-Jürgen Schunk

Die Alte Eiche bei Schafhof im Kreis Coburg hat einen Umfang von fünf Metern und wird auf 250 bis 300 Jahre geschätzt. Foto: Horst-Jürgen Schunk

In Oberfranken, einer überaus waldreichen Region, ist es an sich kein Problem, überhaupt einen Baum zu finden – aber was sollte das für ein Baum sein, der unverrückbaren Halt und aufbauende Gefühle vermitteln könnte? Wer ist dazu geeignet, dass man sich blind an ihn anlehnt und sein Herz öffnet? Das darf kein Bonsai sein, kein zartes Pflänzchen, kein ahnungsloser Jungspund – eher schon ein ganzer Kerl, eine gestandene Baum-Persönlichkeit, gerne mit rauer Schale.
In Oberfranken gibt es eine Reihe richtig alter Bäume. Die Kasberger Linde zum Beispiel, eine Sommerlinde, am Rande des Gräfenberger Ortsteils Kasberg im Landkreis Forchheim. Nach Schätzungen ist sie ungefähr 600 bis 1.000 Jahre alt. Das hohe Alter hat der „Grande Dame“ sichtlich zugesetzt. Ihr massiger Stamm mit einem Umfang von 15,8 Metern ist teilweise ausgehöhlt. Sie musste an mehreren Stellen abgestützt werden.
Oder die Eibe bei Bernstein am Wald, an der Grenze der Landkreise Hof und Kronach. Das Alter dieses Baumes schätzen Förster auf ca. 900 Jahre. Eiben können generell sehr alt werden. In der Nähe des schottischen Dorfes Fortingall steht vermutlich die älteste weltweit: Sie hat ca. 3.000 – 5.000 Jahre auf der Rinde.
Auf rund 300 Jahre bringen es „Die kalten Stauden“ vor Presseck im Landkreis Kulmbach. Es handelt sich um zwei dicht aneinander stehende Buchen, die den widrigen Wetterverhältnissen, vor allem dem rauen Wind auf der Frankenwald-Anhöhe trotzen und dementsprechend nur langsam wachsen.
„Der Hüter des Feldes“ ist der Name einer der wenigen uralten Eichen Bayerns. Sie steht inmitten von Feldern in der Nähe von Lichtenfels. Das Alter des Baumes wird mit rund 1.000 Jahren angegeben. Die Eiche besteht nur noch aus einem walzenförmigen Schaft, der jedoch jedes Jahr aufs Neue ergrünt. Der Stamm hat einen stattlichen Durchmesser von mehr als sechs Metern. Das merkwürdige Äußere hat ihr auch den Namen „Rasierpinsel-Baum“ eingebracht.
Zum Anlehnen und Krafttanken taugt dieser stattliche, vitale und vollständig erhaltene Eichen-Veteran ganz bestimmt. Aus fossilen Funden weiß man, dass es Eichen schon seit ca. 12 Millionen Jahren gibt. Stieleichen (lat. Quercus robur) können 500 bis 1.400 Jahre alt werden. Als heiliger Baum war die Eiche bei den Griechen dem Zeus geweiht; bei den Römern dem Jupiter; bei den Kelten dem Taranis und bei den Germanen dem Thor. Eichen stehen in der Baumsymbolik für Werte wie Standfestigkeit, Härte, Freihei

Diese Hainbuche steht noch ganz am Anfang ihres hoffentlich langen Lebens. Foto: Horst-Jürgen Schunk

Diese Hainbuche steht noch ganz am Anfang ihres hoffentlich langen Lebens. Foto: Horst-Jürgen Schunk

t, Ehre, Kraft, Männlichkeit, Unsterblichkeit und Unbeugsamkeit. Die Eiche gilt als der „weise Vaterbaum“, der den Menschen hilft, die Herrschaft über die Gefühlswelt wiederzuerlangen. Bei so viel Kraft und Standvermögen ist es kein Wunder, dass die Blätter der Eiche nicht nur Pfennig-, und Mark-Stücke sowie den alten Fünf-Mark-Schein schmückten. Auf der Rückseite der 50-Pfennig-Münzen pflanzte Gerda Johanna Werner kniend, mit Kopftuch, eine Eiche als Symbol für den Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute finden sich auf den Ein-, Zwei- und Fünf-Cent-Stücken ebenfalls wieder Eichenblätter.
Die „Tausendjährige Eiche“ bei Schloss Nagel im Landkreis Kronach zählt zu den ältesten und schönsten Naturdenkmälern in Deutschland. Über einen schmalen, steilen Fußweg gelangt man zu dem berühmten Baum. Sein Besitzer ist Hubertus Freiherr von Künsberg: „Ob der Baum tatsächlich 1.000 Jahre alt ist, kann ich nicht sagen. Von der ,Tausendjährigen Eiche‘ sprach schon mein Großvater. Aber die Menschen, die diesen Baum besuchen, werden meistens sehr ehrfürchtig angesichts seiner Ausmaße.“ Und tatsächlich. Der Baum ist ein Gigant. Der lange, gerade Stamm reicht etwa 15 Meter unverzweigt in die Höhe; dann folgt die etwa 27 Meter hohe Krone mit einem Durchmesser von 25 Metern. Die Holzmasse des Baumes wird auf 80 Ster geschätzt. Die Rinde der Stieleiche hat tiefe Furchen. Die Borke steht bis zu zehn Zentimeter bretterartig hervor. Ausgeprägte Wurzeln führen am Steilhang entlang; tiefe Pfahlwurzeln sorgen dafür, dass der Baum extrem standfest ist.
Um die „Tausendjährige Eiche“ herum haben sich auch andere Laubbäume und noch ein paar jüngere Eichen angesiedelt. Der Boden ist etwas feucht; in der Nähe gibt es einen Bachlauf und Forellenteiche. Es ist ein besonderer Platz hier, das spürt man sofort.
Was dieser Baum wohl alles erlebt hat? Angeblich wurden bei Untersuchungen Bleikugeln und Bolzen aus dem Dreißigjährigen Krieg in seinem Inneren gefunden. Der schwedische Reitergeneral Thorstenson belagerte, so heißt es, mehrere Monate Schloss Nagel. Dabei wurde auch geschossen – ein paar Kugeln trafen den Baum. Und alles andere? Bleibt sein Geheimnis.
Lehnt man sich vertrauensvoll an die massige Rinde und legt die Arme um den Stamm, dann spürt man: Manche Freunde können zaubern, so wie dieser hier. Er ist ein verschwiegener Tröster, ein stummer Zuhörer, fest verwurzelt, aufrecht, stolz, gerade. Er lässt sich nicht verbiegen. Aber er zeigt seine Lebensfreude, wenn seine Krone grün ausschlägt. Und wenn man ganz genau lauscht, dann hört man ihn sagen: „Fühl dich frei. Stärke kann man einatmen. Sieh mich an. Reck dich dem Licht entgegen und entfalte dich.“
Sabine Raithel

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