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Fischer Automation – zu Gast in einem Ideenlabor

Karlheinz Fischer und sein Sohn Timo leiten den Familienbetrieb Fischer Automation. Gemeinsam entwickeln sie Ideen für Nähtechniken, deren Anwendungen weltweit gefragt sind.

Karlheinz Fischer und sein Sohn Timo leiten den Familienbetrieb Fischer Automation. Gemeinsam entwickeln sie Ideen für Nähtechniken, deren Anwendungen weltweit gefragt sind.

Wenn ein Unternehmen über Nacht fast alle Kunden verliert, dann bleiben nur zwei Möglichkeiten: Man gibt auf – oder man erfindet sich völlig neu. Karlheinz Fischer hat sich vor einem Vierteljahrhundert für den zweiten Weg entschieden: Aus dem Nähmaschinengeschäft seines Vaters hat er ein Ideenlabor gemacht, das heute Kunden aus der ganzen Welt nach Köditz lockt. Wie hat er das geschafft?

Die Geschichte der Firma Fischer Automation spiegelt einen Teil der Industriegeschichte der Stadt Hof und ihrer Region. Als Erich Fischer 1952 in Hof einen Nähmaschinenverkauf mit Werkstatt gründet, kann er nicht nur auf Geschäftskunden des erfolgreichen Textilstandortes bauen, sondern auch auf Privatleute, die zur damaligen Zeit noch eifrig selbst zu Hause nähen. Für Jahrzehnte bleibt das so, sein Sohn Karlheinz Fischer übernimmt 1982 ein kerngesundes Geschäft.
Innerhalb der nächsten zehn Jahre aber ändert sich alles. Nach der Grenzöffnung 1989 verlegt die Textilindustrie einen großen Teil der Produktion ins Ausland. Und kaum jemand näht noch zu Hause selbst. „Weder mit Privatkunden noch mit der Bekleidungsindustrie war für uns damals noch Geld zu verdienen“, erinnert sich Karlheinz Fischer. „Das waren harte Jahre. Ich musste nach links und rechts schauen, um herauszufinden, wie es weitergehen sollte.“ In der Praxis hieß das schließlich: Karlheinz Fischer investierte in Robotertechnik und experimentierte so lange damit herum, bis er seine ganz spezielle neue Marktnische gefunden hatte.
Wer heute auf die Homepage der Firma Fischer Automation schaut, der findet Aufgabengebiete wie „Schneid- und Trenntechnik von Textilien“ oder „Automatisierungslösungen für die Näh- und Textilbranche“. Mit Nähmaschinen scheint der Betrieb nichts mehr am Hut zu haben. Doch der Eindruck täuscht: In modernen Varianten, aber am Erscheinungsbild unverkennbar, stecken in fast allen der futuristisch anmutenden Konstruktionen noch die klassischen Nähmaschinen. „Die Nähmaschinen als Kernelement haben vor 50 Jahren so ausgesehen und werden vermutlich in 50 Jahren immer noch so aussehen“, sagt Juniorchef Timo Fischer, der den Betrieb gemeinsam mit seinem Vater leitet.

Kernstücke der meisten Konstruktionen von Fischer Automation sind Abwandlungen klassischer Nähmaschinen (auf dem Bild eine Maschine zum Etikettieren von Textilien)

Kernstücke der meisten Konstruktionen von Fischer Automation sind Abwandlungen klassischer Nähmaschinen (auf dem Bild eine Maschine zum Etikettieren von Textilien)

Genäht wird in den Laboren, Werkstätten und Produktionshallen von Fischer Automation in Köditz nur zur Probe im Zuge der Entwicklung. Vielmehr werden dort Maschinen und Anlagen konstruiert, mit denen später Textilien in den verschiedensten Materialien automatisch oder halbautomatisch zusammenfügt werden. Herauskommen können dann Reinigungstextilien wie Wischmopps, medizinische Textilien wie Bandagen oder Automobiltextilien wie Sicherheitsgurte. Timo Fischer erklärt: „Unsere Kunden schildern uns einen bestimmten Arbeitsvorgang, den sie automatisieren wollen, und wir entwickeln die passende Lösung.“ Meist liege Kosteneinsparung und damit letztlich die Wettbewerbsfähigkeit des Auftraggebers als Motiv zugrunde. Teils werden auch eigene Ideen entwickelt und später vermarktet.
Die Industriekunden kämen jetzt kaum noch aus der Region, sondern aus der ganzen Welt. „Vor allem Kunden außerhalb Europas fragen uns immer wieder nach Katalogen mit unseren Produkten“, sagt Timo Fischer. „Aber Kataloge haben wir nicht, denn jede unserer Anwendungen wird ganz speziell für den jeweiligen Kunden entwickelt und ist einzigartig.“
Ein solcher individueller Näharbeitsplatz kann auf einen großen Tisch passen und zum Beispiel Etiketten drucken, zurechtschneiden und annähen; es kann sich aber auch um eine 20 Meter lange vollautomatische Näh-Straße handeln, die im laufenden Betrieb Millionen bestimmter Einzelstücke fertigt. All diese Lösungen entwickelt Fischer Automation mit derzeit rund 20 Mitarbeitern. Auszubildende beschäftigt der Betrieb kontinuierlich seit vielen Jahren, denn: „Für uns ist es ganz wichtig, selbst für die künftig benötigten Fachkräfte zu sorgen.“
Mit dieser Strategie ist Fischer Automation seit dem Umzug von Hof nach Köditz im Jahr 2004 stetig gewachsen. Bereits 2007 wurde der Betrieb nahezu verdoppelt. 2011 wurde erneut angebaut, zudem stetig in neue Technik investiert. Auch einen eigenen 3D-Drucker betreibt das Unternehmen, um flexibel zu sein und die Bauteile für die eigenen Konstruktionen vor Ort auch selbst herstellen zu können.
Timo Fischer entschied sich schon früh, in die Firma seines Vaters einzusteigen. Er studierte Maschinenbau und ist jetzt seit fünf Jahren in Vollzeit dabei. „Nicht viele junge Leute wollen in diese Branche“, hat er festgestellt. „Das liegt oft daran, dass ihre Eltern vor 25 Jahren ihre Jobs in der Textilindustrie verloren haben. So was sitzt tief.“
Aber die Situation habe sich längst wieder gewandelt. Technische Textilien seien ein großer Wachstumsmarkt, auch in der Region. Und selbst die Bekleidungsindustrie orientiere sich inzwischen vom Ausland wieder zurück nach Europa – vor allem unter dem Aspekt der vollautomatischen Fertigung. Auch auf diesen Trend will Timo Fischer langfristig setzen. „Ich habe meine Berufswahl nie bereut“, sagt er und verspricht: „Die Textilindustrie ist definitiv wieder ein Zukunftsmarkt.“ Manfred Köhler

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