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Heinz Spindler: Beim „Eulen-Heinz“ wird Lebenskunst begreiflich

„Eulen-Heinz“ nennen ihn manche. Heinz Spindler lebt seit über einem halben Jahrhundert in Konradsreuth und hat mit seiner hobbymäßig betriebenen Schnitzkunst schon Jung und Alt erfreut. Doch das schöpferische Gestalten von Eulen ist längst nicht alles, was der gelernte Zimmermann zu bieten hat …

„So etwas Ähnliches müsste man doch auch machen können“, erinnert sich Heinz Spindler an seine Gedanken von einst und hat dabei die Wurzelgesichter aus dem Bayerischen Wald von damals vor seinem geistigen Auge. Diese Überlegung und ein besonderer Spaziergang nach seinem Umzug von Neuköditz nach Konradsreuth waren ausschlaggebend dafür, dass der Holzliebhaber begann, sich beim Schnitzen mit dem kreativen Gestalten von kleineren und größeren Kunstwerken zu befassen. Doch wie verlief die Geschichte in den 60er Jahren im Einzelnen? „Es war Frühling, es lag noch Schnee, und ich war mit meinen Kindern im Wald im Ortsteil Schwarzenfurth unterwegs, als ich auf eine Wurzel getreten bin, die plötzlich umgekippt ist. Und auf einmal hat mich ein Gesicht angeschaut. Ich brauchte bloß ein bisschen Fantasie. Ich habe den Mund ausgekratzt und die Augen kaschiert. Ja, damals habe ich mir dann das erste Schnitzmesser gekauft.“
Auch ein paar Jahre später zog es Heinz Spindler – er hatte zwischenzeitlich begonnen, bei der Bundeswehr in Hof zu arbeiten – zur Entspannung nach Dienstschluss immer wieder ins Gehölz. Dort konnte er gar nicht anders: Er fand stets abgestorbene oder abgesägte Bäume, bearbeitete sie und zauberte Gesichter und Figuren aus ihnen hervor. „Das Abenteuer ging damals richtig los“, sinniert der kreative Mann lachend, als ich mich bei einem Kaffee mit ihm unterhalte. „Ich habe sogar ‚Spaziermesser‘ mit Gesichtern geschnitzt, das waren Besonderheiten damals.“
Ein anderes, denkwürdiges Projekte war der Konradsreuther „Zauberwald“. Man gelangt über einen Rundwanderweg dahin, der am Marktplatz beginnt und Richtung Schwarzenfurth führt. Es war in den 90er Jahren, als Heinz Spindler dort 70 in Baumstümpfe geschnitzte Gestalten platzierte, die er mit Motorsäge (sein gelernter Handwerksberuf kam ihm dabei zugute), Stemmeisen, Hammer und Schnitzmesser erschuf und die er mit Farbe zusätzlich plastisch hervorhob, quasi „zum Leben erweckte“. Die Menschen sollen beim Betrachten der fertigen Werke zum Nachdenken angeregt werden, sich vielleicht selbst darin erkennen. Sie sollen jung bleiben oder wieder werden und Fantasie entwickeln. Kinder sollen Freude haben und den Wald kennenlernen. Das ist die Absicht des Konradsreuther Künstlers – früher wie heute. Und wie sieht Heinz Spindler sein Hobby für sich selbst? „Es befreit den Geist. Alles entsteht aus meinem Kopf.“ Ohne Vorlage tastet er sich von der Idee zum fertigen Abbild seiner Vorstellung. Interessant: Die Nase ist beim Schnitzen der wichtigste Punkt im Gesicht, von wo aus alles beginnt.
Bei allem, was Heinz Spindler erzählt, spürt man seine Liebe zum Leben. Er berichtet zum Beispiel von einer ganz speziellen Schnitzerei, die er einmal erschaffen hat und die nun in einem Ortsteil von Hof steht: dem mannshohen vierköpfigen slawischen Gott „Swantevit“. „Es lebt ja alles, aber wir beachten es nicht; alles denkt in seiner Art. Durch meine Mutter habe ich die Achtung vor den Menschen gewonnen.“ Dankbarkeit spricht aus den Worten von Heinz Spindler. Sein „Zauberwald“ ist leider längst verwittert. Doch das stört den Vater der hölzernen Wesen nicht. Gelassen meint er nur: „Alles löst sich eben auch wieder auf. Nun hängt halt aus den Gesichtern im Wald mal ein Auge heraus oder ein Mund ist verschoben – das ist ja das Interessante. Das Altwerden gehört zum Leben. Alles ist vergänglich. Raum und Zeit sind mir nicht wichtig.“
Was ihm schon wichtig ist: Nie ohne Schutzkleidung, Helm und Ohrenschützer mit der Kettensäge hantieren. Sonst kann es leicht sein, dass man nicht allzu lange Freude am schönen Hobby der Schnitzkunst hat.
„Die Vergangenheit ist der Spiegel der Zukunft“ – Das ist augenscheinlich ein Lebensmotto von Heinz Spindler. Er nutzt den Tag in vielfältiger Form, es gibt wohl kaum etwas, das ihn nicht interessiert. Selbstreflexion ist dem Holzskulpturenkünstler wichtig und in diesem Zusammenhang der Spiegel als Instrument im Sinne von „Erkenne dich selbst“ – und der Spiegel, den die Schnitzereien aus sich selbst heraus, beim Betrachten liefern. Dazu existiert auch eine eindrückliche Geschichte – „Der Zauberspiegel“ heißt sie – in einem von ihm selbst verfassten Geschichtenband über das „Fabelreich von Konradsreuth“. Die Lehre daraus: „Der Spiegel – aufgehängt über einem geschnitzten Gesicht – hat magische Fähigkeiten: nämlich gute und böse Menschen voneinander zu unterscheiden.“
Und was dem Konradsreuther mit den geschickten Fingern noch das Leben lebenswert macht, ist: gute Kameradschaft und dass man sich aufeinander verlassen kann. Das lebte er mit seinen Arbeitskollegen, demonstrierte es 20 Jahre lang, als er ehrenamtlich Schwimmkurse abhielt, und genießt es tagtäglich mit seinen beiden Hunden: mit Nando, dem 14 Jahre alten Wolfshund Mischling, und mit Filou, dem 4 Jahre alten Chow-Chow Mix.
Welche Rolle spielt nun eigentlich die Eule innerhalb der eigenwillig fantasievollen Holzgestalten, die aus den Händen von Heinz Spindler hervorgehen? „Weisheit, Klugheit und Sanftmut sagt man der Eule nach; sie ist lautlos, nachtaktiv, kann ihren Kopf extrem verdrehen, sieht alles, hört alles und es gibt viele verschiedene Arten von ihr. Schon die Römer verehrten die Eule als Heiligen Vogel, gleichzeitig war sie aber auch als Unglücks- und Todesvogel gefürchtet.“ Das Fazit der Beschreibung von Heinz Spindler: „Die Eule ist einfach ein seltsamer Vogel, der die Menschen durch sein Anderssein zum Nachdenken bringen soll.“
Im Mittelalter wurde die Eule häufig mit Hexen und Zauberern in Verbindung gebracht und schon sind wir bei weiteren Themen, die das Leben von Heinz Spindler bestimmen. Der vielseitig interessierte Künstler lässt erkennen, dass für ihn auch Geschichte und Geologie wichtige Themen sind – in seiner Zeit als Wachmann bei der Bundeswehr stieß er auf der Hohensaas auf fossile Fundstücke und ließ sich nicht davon abhalten, alles näher zu erkunden – und dass er ein richtiggehendes „Mittelalter-Faible“ habe. Das ist schwer zu übersehen, denn seine Wände im Flur sind beispielsweise mit Pfeil und Bogen, Wurfhölzern und einer Pionieraxt geschmückt. Heinz Spindler ist das lebendige Beispiel dafür, dass man durch das Öffnen seiner Sinne alles Schöne und Anregende dieser Welt erfahren kann und so automatisch der Lebenskunst etwas näher rückt. Für mich ist der Mann in dem heimeligen Haus in Konradsreuth nicht bloß der „Eulen-Heinz“, sondern jemand, aus dem vielfältige Lebenserfahrung spricht und leuchtet. Bevor wir uns verabschieden, bekomme ich noch ein schönes Ästchen seines Fliederstrauchs vor dem Haus in die Hand gedrückt und freue mich außerdem über zwei glitzernde Steine – Fundstücke aus der Region – als Geschenk. Wir beobachten einen Spatz auf dem Gartenzaun, der wohlig seine Flügel ausschüttelt, und hängen einen kurzen Moment lang unseren Gedanken nach, die sich in der Schönheit der Natur treffen. Ein sehr inspiratives Gespräch ist zu Ende gegangen, doch wird es sich mit Gewissheit ein lauschiges Plätzchen in der Erinnerung suchen. Text und Fotos: Sabine Schmidt

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