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Berühmte Hofer: Heinrich Gerber – Über viele Brücken kannst Du gehen

Seit 1993 steht das Heinrich-Gerber-Denkmal in Hof an der Ernst-Reuter-Straße, auf der Wiese schräg gegenüber dem Arbeitsamt. Das weiß gestrichene Eisenobjekt stammt aus einem Brückenknoten einer Eisenbahnbrücke über den Inn bei Königswart, die Gerber 1874/75 konstruiert hat. Oben am Sockel sind auf allen vier Seiten technische Zeichnungen zu sehen.  Fotos: Sabine Schaller-John

Seit 1993 steht das Heinrich-Gerber-Denkmal in Hof an der Ernst-Reuter-Straße, auf der Wiese schräg gegenüber dem Arbeitsamt. Das weiß gestrichene Eisenobjekt stammt aus einem Brückenknoten einer Eisenbahnbrücke über den Inn bei Königswart, die Gerber 1874/75 konstruiert hat. Oben am Sockel sind auf allen vier Seiten technische Zeichnungen zu sehen.  Fotos: Sabine Schaller-John

Eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus und ein Denkmal an der Ernst-Reuter-Straße erinnern in Hof an den „Altmeister der deutschen Eisenbaukunst“ und Erfinder der Auslegerbrücken. Seine Brückenbaukunst lässt aber auch Millionen Besucher jedes Jahr den besten Blick auf Schloss Neuschwanstein genießen. Wissen Sie, von wem die Rede ist?
Hand aufs Herz: Wie oft sind Sie schon am Haus Karolinenstraße 20 in der Hofer Innenstadt vorbeigegangen, ohne dass Ihnen die an der Hauswand angebrachte Bronzeplatte zum Gedenken an Heinrich Gerber aufgefallen ist? Oder könnten Sie sagen, wo genau an der Ernst-Reuter-Straße das imposante Denkmal steht, das die bahnbrechenden Leistungen des Hofer Ingenieurs und Brückenbauers künstlerisch interpretiert?
Heinrich Gerber kommt am 18. November 1832 in der Karolinenstraße zur Welt als Sohn von Johann Peter Gerber, Tischlermeister und Zeichenlehrer an der Gewerbeschule in Hof. Er wird am 2. Dezember 1832 evangelisch getauft, sein Pate ist der Lebküchnergeselle Johann Gottfried Heinrich Pahl. Seine Mutter Barbara Friederike Johanna, Tochter des Hofer Schneidermeisters Johann Christian Salzmann, stirbt im September 1838, als er knapp sechs Jahre alt ist. Sein Vater heiratet 1839 zum zweiten Mal. Seine Stiefmutter wird Eva Margarete, geborene Schöntag. Sehr viel mehr gibt es über seine Kinder- und Jugendzeit aus der Chronik der Stadt Hof nicht mehr zu erfahren. Nur noch, dass er 1840 in die Vorbereitungsklasse der Lateinschule und 1844 in die Landwirtschafts- und Gewerbeschule in Hof eintritt.
1847 geht er, gerade 15 Jahre alt, an die „Polytechnische Schule“ in Nürnberg, die 1823 gegründet wurde und als eine der ältesten technischen Lehranstalten Europas gilt. Sein Schulleiter ist der berühmte Physiker Georg Simon Ohm. Ende 1849 wechselt er an die Polytechnische Schule in München, der Vorläuferin der heutigen Technischen Universität München, zu deren Ehrendoktor er 1902 ernannt wird. Dort betreibt er Studien in „Seeschifffahrtskunde“ und „Ingenieur-Wissenschaften“. 1852 schließt er sein Ingenieurs-Studium ab und wechselt in den bayerischen Staatsbaudienst, der ihn beim Eisenbahnbau Neuenmarkt-Bayreuth beschäftigt. Nach dem Examen für den höheren Staatsbaudienst, das er 1853 als Bester in der Theorie und 1856 als Zweitbester im praktischen Teil abschließt, wird er mit der Bauausführung der Eisenbahnbrücke über die Isar bei Großhesselohe betraut. Hier kommt er bereits in Kontakt mit der Maschinenfabrik Klett aus Nürnberg (die spätere MAN), deren Eigentümer Theodor von Cramer-Klett als einer der Wegbereiter für die Eisenbahn in Bayern gilt. Er erkennt die hervorragende Begabung des 25-jährigen Heinrich Gerber. In die Dienste des Unternehmens tritt Gerber Mitte 1858 als „Leitender Ingenieur für die Ausführung von Eisenbauten“ und bleibt an der Spitze der Brückenbauabteilung bis zu seinem Rücktritt Anfang 1885.
Insgesamt entstehen im Laufe seines Berufslebens circa 600 Brücken, zu denen er die Konstruktionen entworfen oder angeregt hat. Seine Devise: „Klarheit in allen Dingen.“ Ist er davon nicht überzeugt, beteiligt er sich nicht an der Ausführung solcher Konstruktionen. Seine Brückenkonstruktionen sind bis ins kleinste Detail sorgfältigst ausgearbeitet, bis zur Anordnung der Nieten. „Gerber zu eigen waren peinlichste Ordnung, scharfe Beobachtung der Naturvorgänge und sorgfältigste Erwägung des Zweckes aller Konstruktionsglieder“, schreibt Baurat Dr.-Ing. Ludwig Freytag 1920 über Gerber in einem Aufsatz im Jahrbuch des Vereins deutscher Ingenieure. „Seine in gedrängtester Form gegebenen Konstruktionszeichnungen und Eisenverzeichnisse sind gleichsam handliche klassische Werke der Eisenbaukunst“, so Freytag weiter.

Diese Gedenktafel erinnert am Haus Karolinenstraße 20 in Hof an Heinrich Gerber. In identischer Fassung ist sie auch an von ihm geschaffenen Brücken in Bamberg und Mannheim sowie am „Gerber-Haus“ in Gustavsburg und an der TU München angebracht.

Diese Gedenktafel erinnert am Haus Karolinenstraße 20 in Hof an Heinrich Gerber. In identischer Fassung ist sie auch an von ihm geschaffenen Brücken in Bamberg und Mannheim sowie am „Gerber-Haus“ in Gustavsburg und an der TU München angebracht.

Gerber gibt sich aber nicht mit dem Bewährten zufrieden. Er beschäftigt sich eingehend damit, welche dauerhaften und veränderlichen Lasten auf Brücken wirken und welchen Einfluss sie auf die Statik und damit letztlich auf die Konstruktionserfordernisse haben. Im Gegensatz zu den bis dato üblichen Verfahren legt er Wert darauf, „dass die Wirkungen der ständigen Last sowohl als auch jene der verschiedenen veränderlichen Lasten getrennt bestimmt wurden und dass hierbei alle möglichen Teilbelastungen Berücksichtigung fanden“, erklärt es Freytag in seinem Aufsatz. Die erste Brücke, die nach dieser neuen statischen Methode von ihm berechnet und konstruiert wird, ist die über 1.000 Meter lange Eisenbahnbrücke über den Rhein, die Mainz mit Ginsheim-Gustavsburg verbindet, wo Gerber auch einige Jahre wohnt. Die Eröffnung 1862 bringt ihm auch eine Auszeichnung ein: das Ritterkreuz zweiter Klasse des Verdienstordens „Philipps des Großmütigen“. Sie ist die erste von vielen weiteren.
Seine Erfindung eines Tragsystems mit freischwebenden Stützpunkten aber macht Gerber in der Welt der Brückenbauer unsterblich. 1866 erhält er darauf das bayerische Patent. Es basiert auf der Einschaltung von Gelenken in einem durchlaufenden Träger. Dieser Gelenkträger wird nach seinem Erfinder „Gerberträger“ genannt und ist mit seinen zwei Auslegern und einem oder mehreren eingesetzten Einhängeträgern die Grundlage für das Konstruktionsprinzip der Auslegerbrücken. Das machte es möglich, die Spannweite zu vergrößern.
1867 entstanden unter der Leitung von Gerber in Bamberg mit der Sophienbrücke, der Vor-Vorgängerin der heutigen Luitpoldbrücke, und der heute nicht mehr existierenden Mainbrücke in Haßfurt die beiden weltweit ersten Auslegerbrücken mit Gerberträgern. Die größte ihrer Art mit 549 Metern Spannweite ist die Pont de Québec über den Sankt-Lorenz-Strom.
Eine Brücke aber bringen wohl die wenigsten mit Gerber in Verbindung, obwohl jährlich weit über eine Million Besucher sie nutzen, um den besten Blick auf Schloss Neuschwanstein zu genießen und das Märchenschloss zu fotografieren: die Marienbrücke über die Pöllatschlucht. Gerber hat sie im Auftrag des bayerischen Königs Ludwigs II. 1866 entworfen. Die Besonderheit dieser filigranen Eisenkonstruktion ist, dass sie fast ganz ohne Stützen auskommt, da sie direkt im Felsen verankert ist. Auch das ein Novum zur damaligen Zeit.
In seiner Heimatstadt Hof hat Gerber keine baulichen Spuren hinterlassen und weilte offenbar auch nur noch selten dort. Die Hofer Chronik erwähnt nur, dass er Ende 1855 noch einmal nach Hof übersiedelte, um im Büro der Bauinspektion zu arbeiten. Auch über sein private Situation ist nicht viel bekannt. 1857 nahm er Elise Reichel aus Altenplos bei Bayreuth zur Frau. Aus der Ehe gingen zwei Söhne und drei Töchter hervor.
Gerber stirbt an den Folgen eines Schlaganfalls 79-jährig am 3. Januar 1912 in München. In einem Nachruf, den die Deutsche Bauzeitung in ihrer Ausgabe vom 10. Januar 1912 veröffentlicht, ist zu lesen: „In der Geschichte des Eisenbrückenbaues wird der Name Gerbers als der eines Bahnbrechers nicht vergessen werden.“ Die Gedenktafel und das Denkmal in Hof erscheinen nun in ganz anderem Licht, oder? Sabine Schaller-John

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